Trans* Männer (und trans* maskuline Personen) schreiben – Teil 1

Ich wurde in verschiedenen Kontexten schon gefragt, wie man am besten trans* maskuline Charaktere schreibt. Also habe ich mich an einem Beitrag versucht und festgestellt, dass ich zu dem Thema derartig viel zu schreiben habe, dass ich den Beitrag dringend aufteilen muss. Ich werde dafür eine eigene Kategorie anlegen: OwnVoice Guide..

Im heutigen ersten Teil will ich ein paar Begriffe erklären und einige Hinweise dazu geben, was man beim Schreiben einer Vorgeschichte beachten muss, und auch, warum das vielleicht keine gute Idee ist.

Vorwort

Ein wichtiger Hinweis zuerst: Die folgenden Hinweise sind aus meiner Perspektive verfasst. Ich versuche, möglichst viele Perspektiven abzudecken, aber es wird immer trans* Männer geben, die sich dadurch nicht repräsentiert fühlen. Ich selbst bin auf dem weiten, weiten trans* maskulinen Spektrum außerdem dem binären Mann in der Regel recht nahe – es gibt trans* maskuline Personen, die sich viel stärker oder in ganz anderen Bereichen nicht-binär verorten.
Dieser Guide darf außerdem niemals dazu verwendet werden, anderen trans* maskulinen Personen ihre eigene Sicht auf ihre Identität abzusprechen. Er darf allerdings dazu verwendet werden, Mythen und Vorurteile über trans* maskuline Menschen zu entkräften.

Glossar

Trans* – Die Abkürzung für transgender, das heißt für Menschen, deren Geschlecht von dem abweicht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Der Stern (*) steht für das volle Spektrum dieser Erfahrung, das sich nicht auf das binäre Geschlechtersystem beschränkt. Die Bezeichnung trifft keine Aussage über die sexuelle Orientierung.

Cis – Die Abkürzung für Cisgender, das heißt für Menschen, deren Geschlecht mit dem übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Die Bezeichnung trifft keine Aussage über die sexuelle Orientierung.

Trans* maskulin – Menschen, deren Geschlecht auf dem Geschlechterspektrum stärker in die maskuline Richtung tendiert, als das, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Trans* maskuline Menschen können, müssen sich aber nicht als Mann bezeichnen.

Transition – Der Prozess, das eigene Geschlecht gesellschaftlich, manchmal, jedoch nicht immer, auch körperlich, durch verschiedene Maßnahmen, anzugleichen. Dazu gehören manchmal, aber nicht immer, die Änderung des Namens, die Anpassung der Kleidung, des Sozialverhaltens und vieler weiterer Faktoren, die nach außen die Darstellung der Geschlechterrolle ausmachen.

Dead name – wörtl. „toter Name“ – der abgelegte Name einer Person

Deadnaming – eine trans* Person mit alten Namen oder Pronomen ansprechen

Dysphorie – Eine weitreichende Beschreibung und Sammlung von Gefühlen bezüglich des Körpers und der Identität, die eine Inkongruenz zwischen aktuellem und erwarteten Selbstbild, Körperbild, Außenbild ausdrücken

Trans* maskuline Charaktere schreiben – Wie fange ich an?

Prinzipiell steht am Anfang einer immer die narrative Rolle, die ein Charakter einnehmen soll, egal, welche weiteren Eigenschaften ein Charakter besitzt. Vor eurem inneren Auge sollte also ein maskuliner oder  männlicher Charakter stehen, der in der Handlung eine bestimmte Rolle erfüllt; vielleicht habt ihr sogar schon einen Handlungsbogen oder eine bestimmte Charakterentwicklung im Sinn?

Leider sind wir an dieser Stelle direkt bei einem Fehler angelangt, der vielen Cis Menschen schon unterläuft, bevor sie überhaupt angefangen haben: in ihrer Vorstellung ist der geplante Charakter keine maskuline Person und erst Recht kein Mann.

Die häufigste Vorstellung von trans* maskulinen Charakteren beginnt bei cis Menschen mit einer Frau, die sich „als Mann identifiziert“/„glaubt im falschen Körper geboren zu sein“/„sich männlicher fühlt als sie ist“… die Liste der Umschreibungen lässt sich beliebig erweitern. Für viele steht am Anfang also ein Klischee von einer bestimmten Art Frau.

Reden wir nicht darum herum: Diese Vorstellung zerstört eure Sicht auf den Charakter. Solltet ihr euch dabei ertappen, stopp. Eure Vorstellung von trans* Menschen ist normativ auf cis Menschen ausgerichtet. Ihr seid noch nicht bereit, einen solchen Charakter zu schreiben.

Was kann ich tun?

Wenn ihr an dieser Stelle nicht weiter kommt, gibt es nur einen Weg: Sich weiter mit dem Thema zu befassen, und zwar bestenfalls, indem ihr die Worte trans* maskuliner Aktivisten lest oder hört und Werke von trans* maskulinen Menschen über trans* maskuline Menschen lest, anseht usw.

Löst euch von all euren Erwartungen dazu, was ein trans* Mensch ist oder sein soll oder was ihr für Vorstellungen vom Körper habt.

Egal ob Held, Mitstreiter, Feind, Love Interest, Nebencharakter – vor eurem geistigen Auge und in euren Herzen sollte vor allem und zuallererst ein Mann oder eine maskuline Person erscheinen.

Bereit? Gut, dann geht es weiter.

Die Vorgeschichte – und warum ihr sie nicht braucht

Ganz prinzipiell braucht ein trans* maskuliner Charakter keine Vorgeschichte über seine Transition und sein Coming Out.

Ja, ihr habt ganz richtig gehört. Ihr dürft das auch gern erstmal sacken lassen.

Es gibt mehrere Gründe, warum ihr nicht auf Biegen und Brechen versuchen solltet, das interne oder externe Coming Out, die Transition und das Leben einer trans* maskulinen Person vor dieser Transition zu beschreiben. Einige davon werde ich näher erläutern; solltet ihr doch versuchen, eine Vorgeschichte zu schreiben, dann tappt ihr vielleicht wenigstens nicht in die allergrößten Fettnäpfchen.

Transition ist nicht das, was ihr denkt

Erstens werdet ihr als nicht trans* maskuline Menschen, vor allem, wenn ihr cis seid, nur eine sehr eingeschränkte Sichtweise darauf haben, wie sich das Empfinden bei einer Transition überhaupt verändert. Eine Transition besteht nicht nur daraus, den Körper zu verändern. Mehr darüber erfahrt ihr im Abschnitt „trans* maskuline Körper“.

Die Empfindung variiert, aber die meisten trans* Menschen „wechseln“ nicht das Geschlecht. Das ist nicht davon abhängig, ob sie sich zum Zeitpunkt ihrer Kindheit als ein anderes Geschlecht identifiziert haben; Meistens ist das eine Zeit, in der man für die eigene Empfindung keinen Namen hat. Manche Menschen wissen von Anfang an, was ihr Geschlecht ist und inwiefern es vom zugewiesenen abweicht. Andere Menschen brauchen länger, um ihre Identität besser erklären zu können. Viele trans* Männer berichten aber, dass sie im Grunde immer Jungen waren und das nur nicht passend ausdrücken konnten.

Wenn ihr also die Zeit der Transition beschreiben wollt, dann spart euch Beschreibungen davon, wie sich das Geschlechtsempfinden geändert hat, es sei denn, ihr zitiert oder verarbeitet glaubwürdig und unter Würdigung der Vorlage die Worte Betroffener. Reflektiert und akzeptiert, dass jede trans* maskuline Person dafür eigene Worte und Beschreibungen finden wird und das Empfinden dazu abweichen wird, und ihr das vermutlich schwer bis gar nicht nachvollziehen könnt. Wenn ihr euch also nicht sehr sicher seid, solltet ihr diesen Wandel, sofern er irgendwie vorhanden war, nicht versuchen direkt zu dokumentieren.

Ihr habt eine andere Sicht auf eure eigene Vergangenheit

Zweitens verschwenden weniger trans* Menschen als ihr glaubt überhaupt einen Gedanken daran, inwiefern sich ihre Kindheit von ihrem aktuellen Zustand unterschieden hat. Natürlich prägen Erlebnisse während des Coming Out und der Transition den Charakter. Sie sind aber für viele trans* Menschen nicht die eine, alles definierende Erinnerung, die alles überstrahlt. Nicht wenige trans* Menschen blenden ihre Erlebnisse auch irgendwann aus und integrieren ihre aktuelle Wahrnehmung auch rückwärts durch die Zeit. Nicht alle, aber auch nicht wenige trans* Männer werden von ihrer Kindheit mit den richtigen Pronomen sprechen und von sich als Junge sprechen, statt ständig leise und tränenerstickt zu flüstern: „“Damals, als ich noch ein …. MÄDCHEN WAR“ (Dramatik hier einfügen). Die trans* maskulinen Menschen, die gar nicht von ihrer Vergangenheit sprechen, tun das wiederum teilweise aus gutem Grund: Zum Beispiel, weil die Erinnerung Dysphorie und damit Unwohlsein auslöst.

Es gibt kein vorher…

Ein guter Grund, Vorgeschichten auszulassen, ist, gar nicht erst in schlechte Gewohnheiten zu verfallen. Zum Beispiel Deadnaming. Wenn es nicht einen wirklich, wirklich, wirklich guten Grund gibt, den Deadname oder die alten Pronomen einer trans* Person zu nennen, solltet ihr das dringend sein lassen. Es ist traumatisch genug, dass trans* Menschen das im realen Leben erleben müssen – ihr müsst diese Praxis nicht in eure Handlung übertragen.

…und es gibt ein vorher

Vor allem als cis Mensch ist es nicht adäquat möglich, zu beschreiben, wie sich Dysphorie anfühlt. Das, was meiner Ansicht nach dem Gefühl am nächsten kommt, ist Dysmorphophobie. Da ich lange Zeit unter beidem gelitten habe, bin ich zumindest positiv eingestellt, dass man als Betroffener von Dysmorphophobie einen Versuch wagen kann, Parallelen zu ziehen.
Sehr viele trans* Menschen und damit trans* maskuline Personen spüren Dysphorie, vor allem vor und während der Transition. Es wird euch schwer genug fallen, Momente der Dysphorie bei eurem aktuellen Charakter nach der Transition abzubilden, falls ihr das überhaupt versucht. Und damit meine ich, lasst es potentiell lieber sein. Wenn ihr aber versucht, die Dysphorie, die ein Charakter spürt, vor der Transition zu beschreiben, werdet ihr vermutlich sowohl im Trüben fischen, als auch die Tragweite kaum erfassen können.

Was also tun?

Betrachtet die Vorgeschichte eures trans* maskulinen Charakters so wie die aller Charaktere. Gab es Freunde, Feinde, Schönes, Schreckliches? Erlebnisse, Ereignisse? Konzentriert euch zunächst primär auf das, was den Charakter außer dem trans* sein ausmacht, als Mensch mit Vorlieben, Abneigungen, Hobbies, Beruf, Netz von Familie, Freunden und Bekannten. Danach könnt ihr, wenn es direkt relevant für den Plot ist, Ideen sammeln, wie die Transition das Leben des Charakters insgesamt beeinflusst hat. Ist die Person heute sicherer, glücklicher? Oder eher unsicherer, zurückgezogener? Anstatt haarklein herzuleiten, wie sich die Transition ausgewirkt hat, wie sie sich angefühlt hat, wie ach so traumatisch oder ach so befreiend alles war, behandelt diesen Teil der Vergangenheit wie jedes andere Ereignis der Vergangenheit: Als Puzzleteil einer größeren Persönlichkeit, die nicht durch einen einzigen Moment oder eine einzige Charaktereigenschaft definiert wird.

 

Ich hoffe, der erste Teil hat euch geholfen und gefallen und wir sehen uns beim nächsten Teil wieder, wenn es um trans* maskuline Körper und Vorurteile zu diesen Körpern geht.

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